Humus der Graswurzelbewegung – ein Veranstaltungsrückblick

Stadtimker Daniel Überall ruft und wie die Bienen zu den Blütenkelchen schwirren die Interessierten zur Diskussionsrunde „Perspektive Urbane Landwirtschaft?“ im Rahmen des Münchner Klimaherbstes am Mittwoch dieser Woche.

Klimaherbst

Das Fragezeichen in der Überschrift zur Veranstaltung kann man getrost durch ein Ausrufezeichen ersetzen: „Perspektive Urbane Landwirtschaft!“. Schließlich haben die Städte sich bis weit ins letzte Jahrhundert weitgehend selbst und durch das nahe Umland mit frischem Obst und Gemüse versorgt. Die Perspektive ist also vielmehr eine Rückbesinnung. Erst neue Transportmöglichkeiten, technische Kühlung und Supermarkt-Ketten haben nämlich die traditionelle regionale Versorgung stark zurückgedrängt. In den USA hat das dazu geführt, das Lebensmittel oft tausende Meilen zurücklegen bis sie auf dem Teller landen.
Dabei hängt vieles ab vom Erdöl. Und dass dieser Rohstoff zur Neige geht, ist eine Binsenweisheit.

Deshalb sucht Gitte Günther bereits heute nach Lösungen für die post-fossile Zeit. Die Grafikerin und Initiatorin des Climate Dance ist inspiriert von der Transition-Town-Bewegung. Beginnend in Großbritannien haben sich Menschen zusammengefunden, um mit Kopf, Herz und Hand Wege für ein gutes Leben jenseits vom Öl zu finden. Was Transition-Town trägt, meint Gitte Günther vor den rund 30 Teilnehmern im Kulturtreff „Import-Export“, ist die Sehnsucht nach einem alternativen Lebensstil. Selbstbestimmt statt fremdbestimmt, in und mit der Natur statt gegen sie, Zeit für Muse statt permanente Hetze und Getriebensein.
Aus diesem Geist entspringt die Begeisterung, um praktikable Methoden für eine tragfähige Zukunft zu entwickeln und umzusetzen. Sich aus der Region heraus mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, spielt hierbei eine entscheidende Rolle.

Dass man wie früher auch und gerade in der Stadt Lebensmittel anbauen kann, dafür steht Vanessa Blind. Die 35jährige verwirklicht gerade mit vielen Gleichgesinnten ihren Traum von einem Gemeinschaftsgarten mitten in der Stadt. „O’pflanzt is“ heißt das Projekt der studierten Sozialpädagogin. Auf über 3.000 qm nahe dem Leonrodplatz will die agile Münchenerin Kräuter, Gemüse und Obst anbauen.
Bewusst niedrigschwellig ist der Garten angelegt. Die Tür seht jedem offen: Ob mit grünem Daumen oder ohne Gärtner-Erfahrung. Jeder Mensch, ob jung oder alt, aus allen Kulturkreisen ist willkommen. In Zukunft soll man das selbst Angebaute mit leckeren veganen Rezepten gleich vor Ort selbst zubereiten und schnabulieren können. Recycling und Upcycling stehen hoch im Kurs. So soll ein aus Schrottteilen selbst gebasteltes Lastenfahrrad für emissionsfreien Transport sorgen. Umweltpädagogische Kurse runden das Angebot ab.

Wer nicht selbst zum Grabgabel greifen will, kann sich Obst und Gemüse durch die Ökokiste liefern lassen. Gisela Kinzelmann ist die Chefin der Amperhof Ökokiste. Seit Generationen bewirtschaftet ihre Familie eine Landwirtschaft bei Olching. Westlich vor den Toren München wächst ökologisch angebautes Obst, Gemüse und Kräuter. Milchprodukte, Marmeladen, Biofleisch, Bier, Tee –  das Angebot lässt kaum Wünsche offen. Seit den achtziger Jahren kommt die Öko-Kiste zu den Verbrauchern. Zwei Handvoll Fahrer liefern die Produkte in den Großraum München. Regionale Lebensmittel stehen im Mittelpunkt. Lediglich bei Waren wie Südfrüchten und Kaffe gibt es naturgemäß Ausnahmen Manchmal gestehen Gisela Kinzelmann einige Kunden, dass sie in Zukunft weniger bestellen, weil sie Obst und Gemüse inzwischen selbst anbauen. Da schmunzelt die Amperhof-Chefin entspannt: „Selbstangebaut schmeck einfach am besten!“. Und frischer kann man sein Essen gar nicht auf den Tisch bekommen.

Andi Müller hat bisweilen „die Schnauze voll von der Stadt“. Deshalb fährt es häufig auf’s Land auf einen ehemaligen Bauernhof. Datscha nennt er sein altes Gehöft liebevoll. Hier pflegt er alte Kulturtechniken wie das Garteln. Freude macht es dem Marketing Fachmann, wenn es sein Erfahrungen dann gleich an die folgenden Generationen weitergeben kann, damit das Wissen erhalten bleibt. Das sorgt für Kompetenz und Unabhängigkeit. Mal Stadt, mal Land. Nicht an einem Ort zu verharren, das liegt auch Müllers Frau im Blut. Mit einer Geschäftspartnerin betreibt Iris Müller-Borchers das „Kaufhaus-Kollektiv“. Wie Nomaden zieht das Kaufhaus durch München. Mal findet es einen Unterschlupf in einem Café, mal schlägt es seine Zelte auf einem Stadtteilfest auf. Und die Auslage? Die steuert ein Kollektiv Künstlern, Handwerkern und Designer bei. Die Sachen kann man zwar nicht essen, sehen aber zum Anbeißen aus. Kleidung, Möbel, Accessoires, Schmuck – pfiffig, schick, außergewöhnlich und mit viel Liebe hergestellt. Auch hier ist Regionalität Trumpf. Die Hersteller sind aus dem Großraum München und freuen sich mit dem Kaufhaus-Kollektiv eine ungewöhnliche Plattform für ihre Waren zu haben.

Die vielen Beispiele zeigen: In und um die Stadt herum werden neue Ideen geboren. Das ist der Humus auf dem Visionen, Alternativen und ganze Graswurzelbewegungen gedeihen können und werden.

Text: Claus „Mr. Knister“ Eutin, München

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