Schwarmgeschehen in München 2018 – Zahlen und Fakten

1. Hintergrund

Jedes Jahr zwischen Ende April, Anfang Mai beginnt die Schwarmzeit hier in Deutschland. Je nach Ort und Witterungsbedinungen verschiebt sich dieser Zeitpunkt etwas. Honigbienen, die den Winter trotz Kälte überstanden haben, sind seit der Wintersonnwende mit dem stetigen Aufbau ihres Volkes beschäftigt und wachsen daher stark. Die Wintereserven (eigener Honig oder gefütterter Zucker) müssen also besonders im Frühjahr noch ausreichend vorhanden sein um nicht kurz vor Frühlingsbeginn doch noch auszugehen. Die Königin legt zunehmend mehr Eier und die heranwachsenden Larven werden mit dem eiweißhaltigen Pollen etwa von Weide, Krokussen, Löwenzahn und schließlich der Obstblüte gefüttert, wachsen heran und schlüpfen schon bald täglich zu hunderten.

Dann werden einige der Nachkommen mit einem speziellen Saft dem sog. Gelée Royal gefüttert. Es enthält bestimmte Stoffe, die bewirken, dass keine Arbeiterinnen, sondern größere, langlebigere und fruchtbare Königinnen heranwachsen. Kurz bevor diese schlüpfen, kommt der Tag, an dem ein Teil des Volkes sich entscheidet, mit der alten Königin das Muttervolk zu verlassen, um eine neue Kolonie an einem anderen Ort zu begründen. Die Schwarmzeit beginnt! Unmittelbar nach dem Auszug versammelt sich der Schwarm in der Nähe des Muttervolkes in einem Baum oder an einem Gebäude um von hier aus nach einem neuen Zuhause zu suchen. Ein Prozess der Stunden bis Tage dauern kann. Das ist die Gelegenheit sich den Schwarm einzufangen und, wenn man sich auskennt, mit ihm zu imkern.

Wie schon die Jahre zuvor wurde 2018 über die Stadtimker-Webseite eine Bienenschwarm-Hotline angeboten. Bürger*innen die einen Bienenschwarm entdecken, konnten sich (nach einer ersten Beratung durch Infotexte auf der Webseite) telefonisch an das Stadtimker-Kollektiv wenden. Die Telefonnummern waren von 22. April bis Mitte September 2018 online gestellt. Auf der Webseite fanden sich zuerst Informationen zur Unterscheidung von Honigbienen, Wildbienen und Wespen, da diese immer wieder gerne verwechselt werden, und im Weiteren vertiefende Hinweise zu den jeweiligen Arten, ihrem Verhalten und Schutzstatus. Gemeldete Honigbienenschwärme wurden, soweit möglich, eingefangen und behalten oder innerhalb des Kollektivs nach Bedarf verteilt.

Die Anrufe wurden systematisch in einer Datenbank erfasst, um diese später statistisch auswerten zu können. Auch Anrufe aus Leipzig, Berlin oder anderen weiter entfernten Orten gingen bei uns ein, flossen aber nicht in die Auswertung mit ein. Insgesamt wurden 48 Anrufe in der Datenbank erfasst, aus denen sich einige interessante Schlüsse ziehen lassen.

Doch bevor wir zu den teils überraschenden Ergebnissen kommen, soll noch etwas zum Schwärmen in der Imkerei erwähnt sein. Der Schwarmtrieb wird in der klassischen Imkerei nicht gerne gesehen. Das hat verschiedenen durchaus nachvollziehbare Gründe. Die Imker*innen haben häufig wertvolle Zuchtköniginnen in ihren Völkern die sie nicht verlieren möchten. Und wenn viele tausend Arbeiter*innen auf einen Schlag sozusagen „unkontrolliert“ das Volk verlassen, dann fehlen sie als Arbeitskräfte und die Honigernte fällt geringer aus. Daher unternehmen die Imker*innen Maßnahmen um das Schwärmen zu verhindern. Eine schonende Art ist, die Vergrößerung ihrer Behausung, so dass der „Bevölkerungsdruck“ nicht so hoch ist. Es werden jedoch auch die heranwachsenden Königinnen(zellen) herausgenommen, und ohne diese würde die alte Königin nie ihr Volk verlassen. Heute nur noch vereinzelt findet man auch Imker*innen, die der alten Königin zudem die Flügel abschneiden, damit diese nicht wegfliegen kann. Zunehmend wird jedoch deutlich, dass das Schwärmen viele gesundheitsfördende Aspekte hat. Die geschlüpfte Königin, die sich gegen ihre jungen Schwestern durchsetzt (es schlüpfen mehrere zu dieser Zeit in jedem Volk) braucht noch einige Zeit, bis sie selbst Nachkommen zeugen kann. Dadurch entsteht eine sogenannte Brutpause, die Krankheiten, welche auf Brut angewiesen sind (etwa die Varroamilbe), etwas in Schach halten. Immer mehr Imker*innen lassen den Schwarmtrieb also gezielt zu und nehmen kurz vor dessen Auszug die alte Königin mit einem Teil des Volkes heraus, oder warten, bis er auszieht, um ihn dann selbst wieder einzufangen. So vermehren sie jährlich im Rhythmus des bieneneigenen Schwarmtriebs ihre Völker oder gleichen Winterverluste aus.

2. Ergebnisse


Im nebenstehenden Diagramm lässt sich deutlich die Schwarmsaison mit einem Höhepunkt im Mai und Anfang Juni erkennen und, dass mit abnehmenden Schwärmen zunehmend Wespenvölker die Aufmerksamkeit der Münchner*innen erregten. Also auch zu Wespen gab es 2018 einen erhöhten Bedarf an Beratung. Von den 48 Anrufen, waren nur 28 tatsächlich auf Bienenschwärme zurückzuführen. 20 Anrufe bezogen sich auf Wespen, die entweder für Bienen gehalten wurden oder in seltenen Fällen bereits als Wespen erkannt worden waren. Die Karte zeigt: Die Anrufe kamen aus ganz München und teilweise auch aus Vororten, wobei nur bei 13 Wespenanrufen Koordinaten erfasst werden konnten (unserer Schätzung nach, waren es etwa doppelt so viele).

In einigen Überarbeitungsrunden versuchten wir die Webseite so umzugestalten, dass die Leute den Unterschied leichter selbst feststellen konnten. Bilder mit den Bestimmungsmerkmalen und ein fettgedruckter Hinweis, dass diese vor einem Anruf genau studiert werden sollten, waren sicher hilfreich (Link). Aber dennoch kamen sehr unterschiedliche Anrufe rein. Bezog sich der Anruf klar nicht auf eine Schwarmtraube, sondern auf ein vermeintlich irgendwo eingezogenes Volk, gingen wir dazu über, von den Anrufenden Fotos zur Bestimmung anzufordern. Dadurch bekamen wir nicht nur interessante und teils auch lustige Bilder, in der Regel von Wespen, sondern stellten fest, dass das Fotografieren der Tiere die Anrufenden zu einer genaueren Beobachtung zu motivieren scheint. Bis auf wenige Ausnahmen erkennten die Anrufenden dann schon selbst, dass es sich wohl doch um Wespen und nicht um Bienen handelt. Zudem entwickelten einige Menschen auch eine gewisse Sympathie für die Wespen. Wir berieten die Anrufenden auch zu Wespen so gut es ging und verwiesen sie auf die weiterführenden Informationen unserer Webseite. Seltene und bedrohte Wespenarten wurden je nach Situation auch ehrenamtlich umgesiedelt. Eine solche Umsiedlung ist hier dokumentiert. Da im September nur noch Anrufe von verzweifelten Menschen mit übergroßen Wespennestern eingingen (Umsiedlung und sinnvolle Beratung fast unmöglich), wurden die Telefonnummern wieder von der Webseite genommen und nur die Informationen belassen. Selbstverständlich sind sie jetzt aktuell wieder auf der Webseite, da die Schwarmsaison 2019 bereits im Gange ist.


Auch wenn unsere Imker*innen immer wieder fleißig ausrückten, mit ihren Schwarmfangkisten, Leitern und teils mit Unterstützung der Feuerwehr: Von den 28 gemeldeten Schwärmen konnten nicht alle eingefangen werden. Wie im Diagramm zum Status der Schwärme deutlich wird, waren 10 der gemeldeten Schwärme bereits in Hohlräume in Gebäudestrukturen oder Bäumen eingezogen. Wir versuchten in diesen Fällen Überzeugungsarbeit zu leisten, dass die Völker für niemanden und auch die Gebäude selbst keine Bedrohung darstellten und wild bzw. unbetreut lebende Honigbienenvölker aktuell eine große wissenschaftliche Bedeutung haben, bei deren Erforschung die Anrufenden selbst mitwirken können. Hierfür wiesen wir sie auf unser Citizen Science Projekt BEEtree-Monitor hin, bei dem regelmäßige Beobachtungen wild lebender Völker in einem Online-Portal eingegeben und so wissenschaftlich ausgewertet werden können.

Auch von den übrigen 18 Schwärmen konnten 6 nicht eingefangen werden und zogen weiter. Auch diese 6 Völker zogen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in hohle Bäume oder Gebäudestrukturen ein. Über die Hälfte (57,14%) der gemeldeten Schwärme zog folglich wild in einen Hohlraum, um ab diesem Zeitpunkt ihr Volk ohne die unterstützenden Zuckerfütterungen und Varroamedikamente, aber auch ohne Störungen wie Schwarmverhinderung und andere imkerliche Kontrollen, Honigentnahme und die Steuerung der Nestarchitektur durch Rähmchen und Mittelwände, ganz eigenständig aufzubauen. Wir beobachten alle uns bekannten wild lebenden Völker in München weiter und arbeiten für Untersuchungen an diesen Völkern (Probenanalysen zum Gesundheitszustand) mit der Uni Würzburg und dem Tiergesundheitsdienst Bayern e.V. zusammen.

Auch wenn wir nur eine überschaubare Datenmenge haben, die Statistik zum Status lässt vermuten, dass es viele wild lebende Völker in München geben muss. Und sie legt den Gedanken nahe, dass möglicherweise manche der Schwärme gar nicht von beimkerten Völkern, sondern eben von jenen wild lebenden stammen. Hier fehlen jedoch aktuell noch Daten, v.a. zu den Überlebenschancen solcher Völker in München, die schließlich ganz anderen Bedingungen ausgesetzt sind als bei imkerlicher Haltung.

3. Ausblick

Aktuell ist das Schwarmtelefon wieder geschalten. Zum einen kommen Stadtimker*innen so zu neuen Völkern und das Einfangen von Schwärmen ist v.a. für Neulinge eine wichtige Erfahrung, da sie ein Volk „von Geburt an“ begleiten können. Auch die Aufklärungsarbeit über das Telefon oder vor Ort erweist sich als hilfreich um Bürger*innen die Angst vor Bienen im urbanen Umfeld zu nehmen, sowie die Unterschiede, den Schutzstatus und die Bedeutung von anderen Hautflüglern für das städtische Ökosystem deutlich zu machen. Wir erhoffen uns auch eine weiter steigende Datenmenge um statistisch noch validere Aussagen treffen zu können.

Durch Zusammenführen der Ergebnisse aus dem Schwarmtelefon mit denen aus dem BEEtree-Monitor möchten wir 2019 zudem mehr über das Überleben der wild lebenden Völker herausfinden.

Ihr alle könnt also mithelfen, indem ihr diese Informationen mit anderen teilt, in der bald beginnenden Schwarmzeit aufmerksam seid und uns Bienenschärme meldet (auf https://schwarm.beetrees.org).

April 2019, von Felix Remter und Sebastian Roth

Wespe ist nicht gleich Wespe

Beim Thema Wespen hat fast jeder Mensch eine unangenehme Assoziation im Zusammenhang mit Grillfest oder Brunch im Garten. Das muss aber nicht sein und wir hoffen Sie mit nachfolgender Beschreibung und Bildern für einen Blick auf unsere Wespen gewinnen zu können.

Die weit verbreitete und vom Esstisch leider mit schlechten Manieren bekannten Wespen haben aber auch direkte Verwandte. Sie sehen ihnen zum Verwechseln ähnlich, sind aber überhaupt nicht an unserem Essen oder Getränken interessiert. Auch haben Sie deutlich kleinere Nester, die mit einem kurzen Lebenszyklus bereits Anfang September ihr natürliches Ende nehmen.

Die Unterscheidung der verschiedenen Wespenarten ist anhand eines Insekts oder Bildes nur selten möglich. Bei der Bestimmung kommt es vielmehr auf mehrere Aspekte an. So spielt der Nistplatz eine große Rolle. Sogenannte „Dunkelbrüter“ bauen ihre Nester immer in einem schwer einsehbaren Hohlraum. Nur ein- und ausfliegende Wespen sind zu sehen, das Nest selbst bleibt im Verborgenen. Die „Hellbrüter“ hingegen bauen ihre Nester in den meisten Fällen an sichtbaren Orten und werden daher oft eher von Menschen gefunden. Gerade diese offensichtlichen Nester gehören zu Wespenarten, die sich eben überhaupt nicht für uns Menschen interessieren. Stellen Sie nur sicher, dass das Nest nicht direkt oder durch Erschütterungen gestört wird (z.B. Gartenhütte durch öffnen/schließen der Türe), dann kann solch ein Nest problemlos auch im direkten Umfeld geduldet werden.

Für alle Wespenarten und die besonders geschützte Hornisse gilt: Sie fangen andere Insekten, um damit ihre Brut zu füttern und sind damit ein ganz wichtiger Regulator im Naturhaushalt. Ein (harmloses) Wespennest im eigenen Garten dämmt beispielsweise das Aufkommen von Stechmücken ein und sollte daher ein willkommener Gast sein.

Kreuzt der Ein- und Ausflug der Wespen am Nest direkt unsere Wege, z.B. an einem Gartenweg, so besteht oftmals die Möglichkeit den Flugverkehr durch kleine bauliche Maßnahmen umzuleiten. Die Wespen gewöhnen sich innerhalb weniger Tage an die neu vorgegebene Flugroute und der Konflikt ist gebannt.

In Einzelfällen kann auch eine Umsiedlung des Nestes notwendig werden. Beispielsweise am Klettergerüst eines Spielplatzes, wo durch erhöhte menschliche Aktivität das Konfliktpotential mit einem Wespennest sehr groß ist. Nachfolgend zeigen wir Ihnen wie solch eine Umsiedlung von ausgebildeten Wespen- und Hornissenfachberatern durchgeführt werden kann. Jede Situation ist anders und die hohe Kunst ist entsprechend zu improvisieren, um das Nest sicher und unbeschadet an einen neuen Ort überführen zu können.

Unser Kurzbericht zeigt am Beispiel Sächsischer Wespen anschaulich, was bei einer solchen Umsiedlung vor sich geht.